Mit Giora Feidman ging es mir so wie mit vielen anderen Musikern auch – ich hatte schon viel von ihm gehört, aber ihn selbst hatte ich noch nie gehört. Natürlich war er mir bestens bekannt als „König des Klezmer“, wie ihn die Amerikaner nennen – aber ist es nur Klezmer? „Ein Klezmer spielt nicht, er singt“, hat er einmal gesagt. Das musste mehr sein als ein bisschen Klarinettenmusik, hübsch dargeboten.
Eine Einladung ins Atelier der in Deutschland geborenen Budapester Künstlerin Christa Bartesch gab mir die Gelegenheit, Giora Feldmann zu hören. Zu hören? Giora kann man nicht einfach nur hören – man muss ihn erleben.

Zuerst, im Trubel einer Atelierbesichtigung, nimmt man ihn kaum wahr – ja, es muss wohl jener ältere Herr dort sein. Er wirkt bescheiden, als man ihn vorstellt, jener Mann, der 1936 in Argentinien geboren wurde, und der dann in vielen Städten dieser Erde mit seiner Klarinette die Zuhörer verzauberte. Ja, er sagt selber eine paar Worte und bittet dann, doch den Platz vor einem Bild von Christa Bartesch zu räumen. Noch hat er nicht einmal die Klarinette an den Mund genommen, sondern summt eine einfache Tonfolge, die bald alle summen werden.
Wenn er dann die Klarinette nimmt, wandelt sich Giora Feidman – nun ist er ganz der Verführer, der mit leisen, oft fast flüsternden Tönen den Raum anspielt, aber durchaus auch zeigt, dass die Klarinette kein schnurrendes Miezekätzchen ist.

Herr Feidman dreht sich um, gegen das Publikum – und nun wir klar, warum er wollte, dass der Platz unter einem Bild von Frau Bartesch frei blieb. Er wird dem Bild der Künstlerin huldigen, einen Dialog mit dessen Inhalten beginnen, ihn fortführen, die Gäste einbeziehen – und so setzt er das Spiel frei im Raum fort, dort, wo die Kinder sitzen, um nur für sie ein paar Töne zu spielen.
Warum ich nichts über die Musik schreibe? Weil man sie nicht beschreiben kann. Da war kein Swing, kein Klezmer, nichts, was auf dieser Welt ein Etikett besitzt. Da war ein Mann, der Klarinette spielt.
Bilder: © 2008 by Gebhard Roese